Christian Göttker

Die Macht der Ernährung


Wie ich im Sommer 2016 monatelang unter Clusterkopfschmerz litt und die Krankheit durch eine Ernährungsumstellung schließlich dauerhaft überkam.

In diesem Sommer fand wieder die Fußball-EM statt. Genau wie vor fünf Jahren, im Sommer 2016. Das weckt Erinnerungen in mir. Schlechte Erinnerungen, die aber – Stand heute – zu einem sehr positiven Resultat geführt haben.

Aber der Reihe nach.

Clusterkopfschmerz ist eine tückische Krankheit. Sie ist schwer zu diagnostizieren (bei mir hat es mehrere Jahre gedauert) und die Schmerzen, die sie verursacht, gehören zu den stärksten, die man sich vorstellen kann. Beziehungsweise vermutlich eher nicht, wenn man nicht selbst betroffen ist. Im amerikanischen Sprachgebrauch spricht man häufig von „Suicide Headache“.

Cluster headache (CH) is known as the suicide headache for good reason, because while migraineurs suffer in quiet darkness, CH patients pace, scream, sweat, and yes, contemplate suicide as a method to deliver themselves from a headache commonly considered the most painful condition on the planet. (patientcareonline.com)

A cluster headache is unlike the headaches that almost everyone has from time to time – the pain is extraordinary: women who suffer from cluster headaches say it’s worse than childbirth, and neurologists have described it as ‚the most severe pain experienced by mankind‘. (dailymail.co.uk)

An Selbstmord habe ich zwar nie gedacht, doch selbst im Rückblick schaudert es mich noch heute, wenn ich an einige meiner schlimmsten Schmerzattacken zurückdenke.

Wie alles begann

Meine ersten Episoden hatte ich bereits Anfang der 2000er Jahre. An die erste Schmerzattacke erinnere ich mich noch gut. Wir waren mit einigen Freunden in Münster am Hafen etwas essen und trinken. Ich habe an diesem Abend nicht viel Alkohol getrunken, aber auf jeden Fall etwas Wein oder Bier, was genau, daran erinnere ich mich nicht. Ziemlich unvermittelt setzten bei mir auf einmal Schmerzen in der rechten Gesichts- und Kopfhälfte ein. Erst schwach, dann mittel und innerhalb weniger Minuten sehr heftig. Ich habe das Essen dann auch sehr umgehend verlassen, denn die Schmerzen waren kaum auszuhalten. Auf dem Rückweg hat meine Partnerin an der Apotheke gehalten und Ibuprofen 400 besorgt – das stärkste Schmerzmittel, das in diesem Moment ohne Rezept zu bekommen war.

Zuhause angekommen nahm ich davon ein oder zwei und hoffte auf Milderung der Schmerzen. Teils saß ich, teils lag ich, teils lief ich in der Wohnung auf und ab. Am Schmerz änderte das alles wenig. Irgendwann, ich weiß nicht mehr wie lange es gedauert hatte, wurde es plötzlich besser.

Ich konnte mir keinen rechten Reim darauf machen, was da gerade passiert war, maß dem Ganzen aber nicht zu viel Bedeutung bei.

Das änderte sich auch noch nicht allzu sehr, als ich zwei, drei weitere, vergleichbare Schmerzerlebnisse hatte, die alle in Verbindung mit dem Konsum von Alkohol einher gingen, aber von eher kurzer Dauer waren – und auch nicht so extrem wie es einige Jahre später der Fall sein sollte. Ich hatte damals den Verdacht, dass die Schmerzen von den Zähnen ausgingen. Ich ging also zum Zahnarzt. Und tatsächlich: die Ärztin stellte einen vereiterten Weisheitszahn fest, den sie bei lokaler Betäubung und mit einiger Mühe (sie war sehr jung und gab selbst zu, noch nicht viele Zähne gezogen zu haben) herauszog.

Doch anders als erwartet, war ich meine Schmerzen damit noch lange nicht los. Im Gegenteil. Sie kamen noch heftiger zurück.

Anfangs hatte ich zwei Theorien. Die erste war, dass die Zahnärztin beim Ziehen des Zahns etwas falsch gemacht hatte, vielleicht ja einen Nerv verletzt. Die zweite lautete, dass ich ein „Schmerzgedächtnis“ entwickelt hatte. Dr. Google war schon damals ein schlechter Ratgeber.

Von Arzt zu Arzt

Ich tingelte also von Arzt zu Arzt, von Zahnarzt über den Hals-Nasen-Ohrenarzt bis hin zum Neurologen, und erhielt die unterschiedlichsten Diagnosen. Diese reichten von Vitamin B-Mangel, über zu viel Stress, schief stehende Wirbel bis hin zu Trigeminus Neuralgie. An die verabreichten Medikamente, die mit den Diagnosen einher gingen, kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Gemeinsam hatten sie aber, dass sie alle gleich wirkungslos waren – ebenso wie Physio- und Ergotherapie. Sowohl gegen die Schmerzen selbst als auch in der Vorbeugung weiterer Schmerzattacken. Glücklicherweise hatte (habe?) ich die episodische Form von Clusterkopfschmerz und nicht die chronische. Die Schmerzattacken waren also immer begrenzt auf einen Zeitraum von 4-8 Wochen, dazwischen hatte ich meistens mehrere Monate Ruhe. Das habe ich immer als Glück im Unglück betrachtet.

Ich konsultierte viele Ärzte bis ein Neurologe endlich die richtige Diagnose stellte.

Schließlich war es ein Neurologe in Köln, der etwa vier Jahre nach meiner ersten Schmerzattacke die richtige Diagnose stellte. Er war es auch, der mir zum ersten Mal den Wirkstoff Sumatriptan verschrieb. Ein erster Meilenstein und Hoffnungsschimmer im Kampf gegen den extremen Schmerz. Ich erinnere mich noch recht gut an eine Schmerzattacke in Köln, die ich kurz vor diesem Arztbesuch durchgemacht hatte. Es war eine ungewöhnlich starke und lange Attacke, die ich ohne wirksame Schmerzmittel ertragen musste. Rückblickend kann ich mir kaum noch vorstellen, wie ich das geschafft habe. Denn auch wenn Sumatriptan kein Wundermittel ist, so hilft es doch in der Regel, die Schmerzattacken deutlich zu verkürzen. Als Nasenspray verabreicht, wirkt es meistens auch ziemlich schnell, also innerhalb von 15-30 Minuten. Bei mir wirkt übrigens auch das nicht rezeptpflichtige Migränemittel Formigran recht zuverlässig, doch dieses nur, wenn ich es früh genug einnehme, also quasi sofort, wenn ich eine aufkommende Schmerzattacke spüre.

Eine zutreffende Diagnose zu bekommen und ein Schmerzmittel, das zumindest Linderung verschafft, ist schon mal viel Wert. Dennoch lebte ich immer weiter in der Angst, dass die nächste Schmerepisode bald kommen könnte. Bei mir war das meistens ein bis zweimal pro Jahr für einige Wochen der Fall. Anfangs dachte ich noch, das könnte Jahreszeiten bedingt sein, aber das stellte sich ebenfalls als Irrglaube heraus. Jede Jahreszeit kam infrage. Was zu den Episoden führte, war mir nie richtig klar geworden. Das Einzige, was ich sicher wusste war, dass Alkohol Schmerzattacken auslöste, also ein Trigger war. Während der Episoden verzichtete ich also auf Alkohol, dazwischen aber nicht.

Histaminunverträglichkeit?

Ich hatte natürlich viele wissenschaftliche Berichte und vor allem auch Erfahrungsberichte von anderen CK-Patienten gelesen, um herauszufinden, was hinter den Schmerzepisoden steckt, ob man diese verhindern kann und wie andere damit umgehen. In besagtem Sommer 2016, als mich der Schmerz wieder heimsuchte, und zwar dieses Mal länger als jemals zuvor, stieß ich auf mehrere Forenbeiträge, in denen Patienten darüber berichteten, dass sich ihre Schmerzepisoden stark verkürzt hatten – oder sogar völlig verschwunden waren – nachdem sie ihre Ernährung auf eine Histamin arme Ernährung umgestellt hatten.

Ich hatte zuvor nie wirklich daran geglaubt, dass die Ernährung eine so große Rolle spielen könnte. Na klar, ich wusste, dass Alkohol ein Trigger war, so wie bei anderen Betroffenen offenbar Schokolade oder Käse. Doch an einen grundsätzlichen Zusammenhang glaubte ich nicht. Das änderte sich im EM-Sommer 2016, in dem ich über Monate von meinen Schmerzen begleitet wurde – und das, obwohl ich keinen Tropfen Alkohol anrührte.

Nachdem ich über die Histaminunverträglichkeit einiger anderer Patienten gelesen hatte, dachte ich noch intensiver über meine Ernährung und die Schmerattacken nach. Plötzlich kam es mir gar nicht mehr so absurd vor. Im Gegenteil. Es schien zu meinem Krankheitsbild zu passen. Sowohl zum Aufkommen der Episoden als auch zu den Schmerzattacken.

2016 habe ich mich nicht sehr gesund ernährt. Ich habe recht regelmäßig Fast-Food konsumiert, Schokolade gegessen, viel koffeinhaltigen Kaffee getrunken etc. Nicht im Übermaß, aber auch nicht selten. Als die eingangs erwähnte Fußballeuropameisterschaft begann, habe ich nachts vor dem Fernseher gesessen, und ordentlich gefuttert. Eine Tüte Nachos, eine Packung Schokoplätzchen, Bier, Cola zum wach bleiben. Ich lebte damals schon in China, musste also in der Regel nachts aufstehen, um die Spiele schauen zu können.

Ich fing also daran zu glauben, dass an der Sache mit der Ernährung tatsächlich etwas dran sein konnte. Ich lud mir eine App herunter, in der die Histaminwerte nahezu aller erdenklichen Lebensmittel angeben war und verordnete mir eine Histamin arme Ernährung. Es kam mir schon etwas merkwürdig vor, neben Schokolade, so vermeintlich „harmlose“ bzw. sogar gesunde Lebensmittel wie Tomaten und Orangen vom Speiseplan zu verbannen. Doch ich tat es konsequent.

Es dauerte dann immer noch drei quälend lange Wochen, in denen ich einige Pfunde an Gewicht verlor, ehe ich diese bisher längste (und letzte!) Episode meines Clusterkopfschmerzes durchstanden hatte.

Ja, im Sommer 2016, vor genau fünf Jahren, hatte ich meine letzte Schmerzphase. Mit damals 40 Jahren. Ich weiß nicht, ob es für immer die letzte gewesen ist. Deshalb bin ich erstmal nur dankbar für die Tatsache, dass ich so lange schmerzfrei bin.

Tomaten und Orangen waren von meinem Speiseplan verbannt.

Normal essen ist möglich

Genau wie ich in den weiter oben erwähnten CL-Foren gelesen hatte, ist es auch mir heute möglich, ganz normal zu essen, inklusive aller üblicher Trigger wie Schokolade, Käse und Rotwein. Allerdings noch deutlich maßvoller als vor fünf Jahren. Fast Food, zumindest westliches, ist nahezu zu 100 Prozent von meinem Speiseplan verschwunden. Kaffee trinke ich in der Regel koffeinfrei und Zucker, das Gift der Neuzeit, vermeide ich ebenfalls weitgehend, wobei auch ich mir sehr selten mal ein Stück Schokolade, etwas Kuchen oder ein Eis erlaube. Grundsätzlich kann ich aber schon sagen, dass ich mit zunehmendem Alter immer gesünder esse und vor allem weniger Alkohol und Zucker zu mir nehme. Und das hat ja sicherlich nicht nur positiven Einfluss auf meinen Clusterkopfschmerz.

Mir ist jedenfalls bewusst geworden, wie viel wir durch unsere Ernährung und Lebensweise beeinflussen können – in die eine wie die andere Richtung. Eindrucksvoll bestätigt wurde mir das in diesem Jahr durch mein Gespräch mit Starkoch David Laris, der durch eine Ernährungsumstellung seinen bereits metastasierenden Lungenkrebs besiegte.

Abschließendes zum Thema Clusterkopfschmerz

Wer bis hierher gelesen hat, muss echtes Interesse haben, also möglicherweise selbst betroffen sein. Deshalb ergänze ich hier noch ein bisschen was zur Ausprägung meiner Erkrankung und zum Thema Sauerstoff.

Schmerzattacken

Getriggert von zum Beispiel Alkohol oder starken Gerüchen (z.B. Lacke, Zigarettenrauch) konnten Schmerzattacken bei mir zu jeder Tageszeit auftreten. Ohne solche Trigger passierte es meistens eher abends, oft ungefähr eine Stunde nach dem Einschlafen. Das war „gut“, denn so beeinträchtigte es die Arbeit nicht.

Schmerzbehandlung

Wie oben erwähnt, halfen mir Sumatriptan und Formigran bei akuten Schmerzattacken. Dabei gab es zwei Probleme. Erstens: Nicht jede aufkommende Schmerzattacke entwickelte sich vollständig. Manchmal begann es mit einem Ziehen und Spannen in der Wange, hinter dem Auge oder an der Schläfe, doch der richtige Schmerz brach nicht aus. Wenn ich dieses Ziehen und den aufkommenden Schmerz spürte, versuchte ich diese mit Kraftsport zu bekämpfen, also zum Beispiel Liegestützen. Ich bilde mir ein, dass ich aufkommende Schmerzattacken so manchmal „kupieren“, also stoppen konnte (kupieren: einen Krankheitsprozess [in seinem Beginn]) aufhalten oder unterdrücken, Duden.de). Mit Sauerstoff, den ich zum ersten Mal in China verwendete, war dieses definitiv möglich. Wenn ich früh und lange genug Sauerstoff einatmete, kam es nicht zu einer heftigen Schmerzattacke. Dazu gleich noch mehr. Wenn ich keinen Sauerstoff einatmen konnte, etwa weil ich unterwegs war, musste ich immer abschätzen, ob sich die Attacke voll entwickeln würde oder nicht. Denn da gab es ja noch Problem Nummer zwei: In China, zumindest dort, wo ich lebte, gab es keine Möglichkeit, an eines der wirksamen Schmerzpräparate zu kommen. Abgesehen davon, dass ich sowieso nicht so oft Medikamente einnehmen wollte, musste ich also auch noch mit meinen kostbaren Ressourcen haushalten. Denn auch in Deutschland wurde mir Sumatriptan immer nur in sehr kleinen Mengen verschrieben. Deshalb habe ich die wenigen kostbaren Nasensprays dann auch nur im absoluten Notfall, also bei heftigsten Attacken genutzt. Mit Formigran war es – da nur Apotheken-, aber nicht Verschreibungspflichtig – schon deutlich besser. Einmal hat mir die Arbeitskollegin eines guten Freundes sogar mal einige Packungen mit nach China gebracht.

Sauerstoff

Dass Sauerstoff half, die Schmerzattacken aufzuhalten war natürlich einerseits großartig, da völlig ohne Nebenwirkungen. Doch es hatte meinem Empfinden nach einen Nachteil. Ich bilde mir ein, dass sich die kupierten, also in der Entstehung gebremsten Schmerzattacken früher oder später einfach ihren Weg bahnen mussten. Das Kupieren mit Sauerstoff war also eher ein Herauszögern bis zum großen Ausbruch. Insgesamt empfinde ich meinen Clusterkopfschmerz rückwirkend betrachtet sowieso wie einen Kessel, in dem sich durch falsche Ernährung (zu viel Histamin) immer mehr Druck aufbaute, und der sich zu entladen begann, als der Druck zu stark geworden war. Vielleicht ist es heute ja so, dass ich durch meine angepassten Ernährungsgewohnheiten dafür sorge, dass sich im Kessel gar nicht mehr so viel Druck aufbaut. Insgesamt würde ich Sauerstoff natürlich trotzdem empfehlen und auch selbst wieder benutzen, wenn es nötig würde.

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