Christian Blietz

03:00 Uhr. Der Himmel muss warten. Die Hölle ist da. Es reißt mich buchstäblich aus allen Träumen. It’s Clustertime. Nach über einem Jahr hat mich das Biest mal wieder in seinen Klauen und lacht mich aus. Diesen bösen Voodoozauber lassen, gleich beim ersten Mal nach längerer Pause, die Medikamente kalt. Beinahe jedenfalls. 45 Minuten nach der Injektion mit Zolmitriptan nasal und einer Stunde der kleinen Hölle verschwindet der Peiniger wieder. Was würde mich in dieser jetzt beginnenden Episode des episodischen Clusterkopfschmerzes erwarten ? Ohne weiter darüber nachzudenken, finde ich vom Schmerz befreit und leicht, erschöpft wieder in den Schlaf.

Nach fast 24jähriger Erfahrung im Umgang mit diesem Fehler der Natur ist mir eines fast sicher - allerdings auch nur fast - : Dieser Fehler wird mich wahrscheinlich das ganze, hoffentlich noch lange vor mir liegende Leben begleiten. Die Hälfte meines irdischen Lebens war er schon chronisch, und seit ca. 9 Jahren episodisch mein zuverlässiger Begleiter. Wenn die Aussichten und damit die Hoffnung auf endgültiges Verschwinden dieser Pein eher als sehr gering einzustufen sind und daraus resultierend nichts wirklich sicher ist, ist eines doch sehr gewiss: Ich werde ganz sicher nie wissen wann, wo, wie lange und wie stark mich diese Fehlzündungen und Kurzschlüsse im Gehirn heimsuchen werden. Im Gegensatz zu vielen anderen „Clusterverwandten“ kann ich nicht die Uhr nach den Attacken stellen. Aber das passt wenigstens zu mir. Dem spontanen, eher emitionsgesteuerten Menschen, dem immer wiederkehrende, monotone Tages-, Monats-, und Jahresabläufe zuwider sind. Überraschungen machen das Leben doch bunter. In diesem Fall könnte ich allerdings auf etwas Farbe verzichten. Aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert. Darum kann die Devise nur lauten: Nicht klagen – kämpfen ! Und so kämpfe ich mal wieder und kann sicherlich von Glück reden, dass ich - ob damals chronisch oder jetzt episodisch – die eine oder andere kürzere oder längere Rundenpause habe.

Gerade geschrieben, ist die erste der kleinen Rundenpausen schon vorbei. Auf in’s Gefecht. Es ist 17:45 Uhr und der Feind steht vor der Tür, besser gesagt: Er marschiert in meinem Kopf. Wenigstens schlägt er zu Hause zu. Er schleicht sich an, so als wolle er nicht bemerkt werden bis er dann richtig zuschlägt. Und ich falle darauf rein. Warte noch bis ich zum Medikament greife. Kaum habe ich mir eine Dosis Zolmitriptan durch die Nase gezogen, schlägt das Ding zu. In rasantem Tempo breitet er sich aus. Es kommt mir vor als wenn Cluster mit der Startnummer 1 und Zolmitriptan mit der Startnummer 2 um die Wette rennen. Und das in meinem Kopf. Das Rennen scheint schnell entschieden. Der Cluster hat zugeschlagen. Ziemlich heftig. Das linke Auge tränt, der linke Nasenflügel läuft trotz seiner Verstopfung und ich spucke wie ein Lama, während ich mit abstraktesten Verrenkungen versuche die Attacke zu parieren. Dem Wunsch nicht folgend, das linke Auge zu entfernen, mit einem Seitenschneider eine Halssehne zu durchtrennen oder einfach mit vollem Tempo ungebremst mit dem Kopf gegen die geflieste Wand des Badezimmers zu rennen, fängt eine halbe Stunde nach Einnahme dann doch das Medikament an zu wirken. Schnell, innerhalb von 5 Minuten, macht sich Erleichterung breit. Überstanden. Nach insgesamt 45 Minuten. Erschöpft lasse ich mich im Sofa nieder. –Wirkt das Zeug überhaupt noch- geht mir durch den Kopf. Ich beschließe meinen Verbündeten das nächste mal früher ins Rennen zu schicken. Scheinbar ohne Gedanken, völlig leer, schlafe ich auf dem Sofa ein

So da bin ich wieder. Inzwischen mit neuen Vorrat an Medikamenten ausgestattet, genieße ich die attackenfreie Zeit so, als wäre alles in bester Ordnung. Für viele nicht Betroffene und vor allen Dingen für Außenstehende, die nie einen dieser Anfälle gesehen haben, erscheint das sowieso alles sehr eigenartig. Sofern man nicht permanent klagt und jammert, kann es ja wohl nicht so schlimm sein. Vielleicht sollten die sich mal an Tolstoi versuchen: „Was weißt du von meinen Schmerzen ....“ Es soll ja Menschen geben, die Kopfschmerzen (ich wäre froh wenn das „nur“ Kopfschmerzen wären) gar nicht kennen. Also in gewisser Weise ist dann dieser ungläubige Dackelblick mit dem Ausdruck der Verwunderung und der Unsicherheit im Umgang damit, zu verstehen. Da, wo man eigentlich Verständnis für die eigene Situation erwarten könnte, müsste oder sollte, muss man halt nicht selten selbst versuchen Verständnis für andere aufzubringen. Fällt mir mit unter schon schwer. Aber Selbstmitleid ist ganz sicher nicht der Weg der Bewältigung. Sicherlich nicht nur im Umgang mit Cluster. Also positiv denken, das Schöne genießen und nicht auf die nächste Attacke warten. Die kommt - so oder so.

Und da ist sie auch schon. Mitten am Tag. Dank Zolmitriptan kurz und leicht. In den nächsten vier Monaten folgt die ganze Palette der Attackenvielfalt. Die längsten dauern trotz Nasenspray bis zu 5 Stunden aber dank einer Spritze Sumatriptan sind die schlimmsten oft von kurzer Dauer. Nach 14 Wochen werden die Attacken weniger und in ihrer Intensität geringer. Verabredungen und Arbeitsaufnahme können wieder immer öfter, ohne kurzfristige Absagen stattfinden. Wenn ich dann nach 4 Monaten ohne Clustertagebuch, aus eigener Erinnerung nicht mehr genau weiß wann die letzte Attacke war, gehört diese Episode der Vergangenheit an. Bis zum nächsten Mal. In 3 Monaten, 6 Monaten oder einem Jahr. Und wer weiß, vielleicht aber auch irgendwann gar nicht mehr.

Christian Blietz

zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2015 12:46